Frei von Worten
Messe Show

 

Im Interview mit Mediakompakt* spreche ich über den Beruf als Verwandlungskünstler und warum Worte das Lügen erst ermöglichen.

Von Svenja Reichardt

MEDIAkompakt ist die Zeitung des Studiengangs „Mediapublishing“ (Hochschule der Medien, Stuttgart)

 

Pablo Zibes ist in Buenos Aires geboren. Eine Stadt, über die man sagt, dass sie mehr Theatersäle habe, als jede andere Stadt auf der Welt. Auch seine Eltern lieben das Schauspiel und nehmen Pablo schon als Kind mit in Theateraufführungen. Früh fängt er selbst an zu spielen und entscheidet sich nach dem technischen Gymnasium ganz für eine Ausbildung zum Schauspieler. Heute lebt er in Stuttgart.

 

Pablo, wie haben deine Eltern darauf reagiert, dass du gesagt hast: „Ich werde Schauspieler?“

Das war kein Problem. Meine Eltern haben mich unterstützt und mir aufgezeigt, dass ich mit meinem Schulabschluss notfalls auch andere Möglichkeiten habe. Das ist die Freiheit in einem Land wie Argentinien: Man ist es gewohnt, dass nicht alles nach Plan läuft. Meine Wahl lag mit 18 mehr oder weniger darin, entweder ein arbeitsloser Ingenieur zu sein, oder ein arbeitsloser Schauspieler. Die Dauerkrise in meinem Land hat mir diese Entscheidung leichtgemacht.

Du hast in Argentinien die Schauspielerei der Bühne gelernt und warst mit Anfang 20 schon auf Weltreise. Diese Reise wurde zum Wendepunkt für deine Karriere, weil du in Madrid die Pantomime zum ersten Mal als „Walking Act“ ausprobiert hast. Wie kam es dazu?

Ganz einfach, ich wollte ein Jahr auf Weltreise gehen, und nach zwei Monaten hatte ich kaum noch Geld übrig. Ich stand vor der Entscheidung, entweder zurückzufliegen oder ins kalte Wasser zu springen. Vor diesem Moment in Madrid hatte ich nie zuvor auf der Straße gespielt und meine ersten Versuche als Straßenkünstler gingen völlig daneben. Heute weiß ich, warum. Die Straße hat im Vergleich zur Bühne eine andere Sprache und ein anderes Timing. Nach diesem Misserfolg habe ich gehört, dass andere Künstler als „Living Dolls“ auftreten. Also versuchte ich es auch als eine der lebendigen Statuen und hatte Erfolg damit. Anfang der 1990er Jahre war die Idee so neu, dass es in jeder Stadt ein großer Erfolg wurde. So habe ich mir meine Weltreise finanziert.

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Du sagst, das Schauspiel als „Walking-Act“ unterscheidet sich stark vom Schauspiel auf der Bühne. Was ist da die größte Herausforderung, wenn man so nah am Publikum ist?

Ganz klar, die Menschen kommen nicht deinetwegen. Wenn man auf einer Bühne auftritt, dann bezahlen sie, um dich zu sehen. Als Walking- Act auf der Straße oder einer Messe bist du eine Überraschung für die Menschen. Die erste Herausforderung ist es also, sie für dich zu gewinnen. Das geht gut über gemeinsame Körpersprache. Ich achte darauf, wie eine Person auf mich zuläuft und ich versuche mich anzupassen.

Kannst du das konkretisieren?
Wenn es ein Teenager ist und der kommt irgendwie locker flockig auf mich zu, imitiere ich seine Art der Bewegung und bin genauso locker, damit wir im Körperdialog auf einer Wellenlänge sind. Dann mache ich etwas, um die Menschen zum Lachen zu bringen, und schon sind wir unterbewusst Freunde. So schaffe ich eine Brücke zwischen mir und meinem Gegenüber. Aber für diese Verbindung hast du nur diese eine Chance. Ich freue mich jedes Mal, wenn mein Gegenüber mir antwortet: mit einem Lächeln, oder wenn einer ein Stück weit in meiner Geschichte mitspielt.

 

Auf deiner Website ist dieses Zitat zu lesen: „Ein Pantomime sagt deutlich mehr als 1000 Worte.“ Was sagst du deinen Zuschauern als Pantomime?

Ich versuche mit Gefühlen zu arbeiten. Ich glaube, dass Worte das Lügen einfach machen. Als ich Theater studiert habe,  da war die Herausforderung nie zu spielen, was im Text steht, sondern immer das, was im Subtext steht. Ich kann dir sagen: „Ich hasse dich!“ Das sagt der Text. Aber eigentlich will ich dir sagen: „Ich liebe Dich!“ Worte können lügen und das Gegenteil von dem sagen, was du tatsächlich sagen möchtest. Mit dem Körper kann man auch lügen, aber viel schwieriger. Mit deiner Gestik, deiner Mimik und mit deinen Augen bist du ehrlicher.

Für die klassische Pantomime-Maske wird eine weiße Grundierung ins Gesicht geschminkt, dann betont man die Lippen rot, die Augen werden schwarz umrahmt und die Brauen dunkel nachgezogen. Welche Funktion hat das?

Die Maske verdeutlicht eben viele Bewegungen und viele Ausdrücke der Mimik. Man macht zum Beispiel eine kleine Bewegung mit geschminkten Augen und es sieht gleich ganz anders aus. Besonders Zuschauer, die ein bisschen weiter weg sind, können so alles sehen. Die Maske ist Hilfsmittel. Für einige Kollegen ist sie natürlich auch Abstand und ein Weg, um in die Rolle zu schlüpfen. Ich persönlich brauche das nicht.

 

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Kann Pantomime auch „laut“ sein?

Schon. In den Köpfen der Zuschauer. Ich kann so spielen, als wäre etwas laut in meinem Gehirn. (Pablo fasst sich mit beiden Händen an den Kopf und kneift die Augen zusammen. Sein Mund ist schmerzvoll verzogen.) Oder ich kann so tun, als ob ich selber laut werde. (Jetzt reißt Pablo den Mund weit auf und er schreit lautlos.) Bei beiden Optionen hören die Ohren kein Geräusch, aber die Zuschauer haben die Lautstärke trotzdem im Kopf.

Du hast gesagt, dass du die Maske als einen Helfer in die Rolle des Pantomimen nicht brauchst und du verzichtest auf einen Künstlernamen. Gibt es einen Unterschied zwischen Pablo dem Künstler und Pablo dem Privatmann?

Es gibt viele Sachen in meinen Rollen als Pantomime, die zu Pablo dem Privatmann gehören. Aber ich erlaube mir als Pantomime auch Dinge, die der private Pablo nie machen würde. Ich bin einfach Menschenfreund. Wenn ich meine sympathische Art versteckte, bekäme ich die Leute nicht auf meine Seite und mein Ziel ist es ja, mit den Menschen gemeinsam zu spielen und nicht gegen sie.

Die Meinungsfreiheit ist hier in Deutschland ja sehr groß geschrieben. Da gehört die freie Meinungsäußerung im Wort auch dazu. Jetzt übst du einen Beruf aus, der dir Worte eigentlich selbst verbietet. Ist das nicht irgendwo Selbstzensur?

Ich würde immer sagen, dass man in der Pantomime frei von Worten ist und nicht gefangen in Stille. Ich sehe das also als ein Gegenteil von Selbstzensur. So, wie ich vorher gesagt habe, man hat so viele Möglichkeiten als Pantomime Sachen auszudrücken. Selbst politische Meinungsäußerung kann man pantomimisch sehr gut darstellen. Nicht reden zu müssen, ist immer eine Chance für mehr.

Was gibt es dir, als Pantomime zu spielen?

Freude. Ich liebe es mit Menschen zu arbeiten, ich liebe es zu schauspielern. Ich habe beides mit der Pantomime. All die Jahre bin ich Reisender geblieben, denn der Beruf bringt mich in viele Ecken der Welt. Das ist mein Glück. Ich erlebe meinen Beruf als Glück, ehrlich.

 

 

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